Ford fährt EV-Produktion zurück: Nachfrageschwäche bremst Elektrifizierungsstrategie

Ford drosselt EV-Ambitionen: Produktionskürzungen und Investitionsstopp als Reaktion auf die Marktrealität
Ford Motor Company hat am Montag angekündigt, die Produktion des vollelektrischen Pickups F-150 Lightning zu drosseln und die geplanten Investitionen in EV-Programme um rund 12 Milliarden Dollar zu kürzen. Dies ist der deutlichste Hinweis darauf, dass der Autobauer seine Elektrifizierungsstrategie angesichts nachlassender Verbrauchernachfrage neu justiert. Die Entscheidung, die nur zwei Jahre nach dem vielbeachteten Start des Lightning fällt, unterstreicht die wachsende Kluft zwischen der Begeisterung der Hersteller und der tatsächlichen Marktakzeptanz – insbesondere im Massensegment der Fullsize-Trucks und SUVs.
Die unmittelbarste betriebliche Änderung betrifft die Produktionslinie des F-150 Lightning im Rouge Electric Vehicle Center in Dearborn, Michigan. Ab Januar 2024 läuft die Linie nur noch im Einschichtbetrieb statt bisher im Dreischichtsystem, wodurch die Tagesproduktion von rund 1.800 auf etwa 600 Trucks sinkt. Ein Ford-Sprecher bestätigte, dass etwa 1.400 Stundenarbeiter in die Produktion benzinbetriebener F-150- und Ranger-Modelle versetzt werden – ein deutliches Zeichen für die weiterhin robuste Nachfrage nach konventionellen Verbrennern. Zudem verschiebt Ford den Bau eines geplanten Batteriezellenwerks in Marshall, Michigan, das ursprünglich ab 2026 Zellen liefern sollte.
Die Gründe für die Rücknahme liegen in einer Reihe von Gegenwinden, die sich im Laufe des Jahres 2023 aufgestaut haben. Zwar verkaufte Ford in den ersten drei Quartalen 2023 in den USA 24.165 F-150 Lightning – ein Plus von 46 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum – doch die Wachstumsrate hat sich seit einer Preissenkung von bis zu 10.000 Dollar pro Truck im Juni drastisch verlangsamt. Die Lagerbestände für den Lightning sind auf eine Reichweite von 97 Tagen gestiegen, mehr als doppelt so viel wie der Branchendurchschnitt von 38 Tagen. Ford muss daher Händleranreize bieten, die für ein ursprünglich als Halo-EV vermarktetes Produkt ungewöhnlich sind. Gleichzeitig sanken die Verkaufszahlen des anderen reinen Elektromodells, des Mustang Mach-E, im dritten Quartal um 6,7 Prozent im Jahresvergleich – während Tesla im selben Zeitraum die Preise für das Model Y um bis zu 20 Prozent senkte.
Die Preisfalle und der Wettbewerbsdruck
Fords Entscheidung, sich aus dem Vollgas-EV-Kurs zurückzuziehen, ist keine plötzliche Kehrtwende, sondern eine Reaktion auf einen Markt, der Elektroautos für die meisten Massenmarktkäufer unerschwinglich macht. Das Basismodell Pro des F-150 Lightning, das ursprünglich zu einem Preis von 39.974 Dollar startete, hat nach mehreren Preiserhöhungen und dem Wegfall einiger Steuergutschriften einen Einstiegspreis von 54.915 Dollar. Zu diesem Preis konkurriert der Lightning direkt mit benzinbetriebenen Schwerlast-Trucks wie dem Ram 3500, die für ähnliches Geld deutlich mehr Nutzlast und Anhängelast bieten. Ford-CEO Jim Farley räumte in einer kürzlichen Telefonkonferenz die Diskrepanz ein und stellte fest: „Der Preisaufschlag für EVs gegenüber Verbrennern ist für viele Kunden noch immer zu hoch, und die Annahme, dass rapide fallende Batteriekosten diese Lücke bis heute schließen würden, hat sich nicht bewahrheitet.“
Auch die Wettbewerbslandschaft ist feindlicher geworden. General Motors, nach einem holprigen Start des Chevrolet Silverado EV und der Einstellung des Bolt EV, fährt die Produktion des Equinox EV zu einem niedrigeren Preis von rund 35.000 Dollar hoch. Teslas Cybertruck hat seit den ersten Auslieferungen im Dezember 2023 erhebliche mediale und öffentliche Aufmerksamkeit auf sich gezogen – wenn auch kein direkter Konkurrent des F-150 in traditionellen Truck-Disziplinen – und könnte damit Interesse von Fords Angebot abziehen. Und der Zustrom günstigerer chinesischer EVs, wie der BYD Seal, setzt westliche Hersteller unter Druck, entweder die Preise zu senken oder sich aus Einstiegssegmenten zurückzuziehen. Ford setzt auf keines von beidem, sondern verschiebt seinen EV-Zeitplan.
Kapitalumverteilung und die Hybrid-Wende
Ford gab bekannt, dass die geplanten EV-Investitionen von 40 Milliarden auf rund 28 Milliarden Dollar bis 2025 reduziert werden. Die aufgeschobenen Mittel fließen in die Entwicklung einer neuen Generation von Verbrennungs- und Hybridantrieben sowie in Ford Pro, die gewerbliche Fuhrpark-Sparte des Autobauers. Ford Pro erwirtschaftet derzeit den Großteil des Unternehmensgewinns und treibt den Markt für elektrische Arbeitsfahrzeuge wie den E-Transit an, der bei Flotten weiterhin stark nachgefragt wird. Das Unternehmen kündigte an, dass alle künftigen neuen Modelle – einschließlich des neuen Explorers und der nächsten Lincoln-Generation – neben rein elektrischen Varianten auch Hybridversionen anbieten werden. Dies ist ein klarer Bruch mit Fords früherer „EV-only“-Rhetorik für bestimmte Baureihen.
Die Verschiebung betrifft auch das zuvor angekündigte Joint-Venture-Batteriewerk in der Türkei, die sogenannte Kocaeli-Anlage, die eine europäische Lieferkette für den in Deutschland gebauten Ford Explorer EV bereitstellen sollte. Der Bau der Anlage wurde auf unbestimmte Zeit ausgesetzt, bis die EV-Nachfrage in der Europäischen Union neu bewertet wird. Im Jahr 2023 lag der Marktanteil von Elektrofahrzeugen in der EU trotz großzügiger Subventionen in wichtigen Volkswirtschaften wie Deutschland und Frankreich nur bei 13 Prozent.
Auswirkungen auf Betrieb und Belegschaft
Die Produktionskürzungen betreffen direkt die Stundenarbeiter von Ford, doch das Unternehmen setzt auf Fluktuation und interne Versetzungen, um Entlassungen im Rouge-Werk zu vermeiden. Die Gewerkschaft United Auto Workers, die im Oktober 2023 einen neuen Tarifvertrag mit Regelungen zur Lohngleichheit für EV-Arbeiter ratifiziert hat, hat sich noch nicht öffentlich zur Verlangsamung geäußert, aber signalisiert, dass sie Produktgarantien für die noch im Bau befindlichen Batteriewerke fordern wird. Ford hat zudem die Einstellung neuer EV-Ingenieure am Hauptsitz in Dearborn ausgesetzt und bietet weißen Angestellten in der Antriebsstrang-Elektrifizierungsabteilung Abfindungspakete an.
Analysten von Morgan Stanley stuften die Ford-Aktie unmittelbar nach der Ankündigung von „Overweight“ auf „Equal-Weight“ herab und verwiesen auf geringere Umsatzerwartungen aus elektrifizierten Fahrzeugen in der Mitte des Jahrzehnts. Die Analysten schrieben, Fords Rückzug „anerkenne eine harte Wahrheit: EVs sind noch kein Massenmarktprodukt in den Volumensegmenten, die Fords Kerngeschäft ausmachen, und der Versuch, die Akzeptanz mit hohen Fixkosten zu erzwingen, vergrößert nur die Verluste“. Tatsächlich verliert Fords EV-Sparte – Ford Model e genannt – derzeit rund 36.000 Dollar pro verkauftem Fahrzeug, so aktuelle Finanzberichte, allerdings beinhaltet diese Zahl massive F&E-Abschreibungen und Anlaufkosten für die Werke, deren Ausbau nun verlangsamt wird.
Marktkontext und Ausblick
Fords Schritte spiegeln eine branchenweite Neujustierung wider. General Motors hatte bereits Anfang des Jahres die Produktion des Chevrolet Blazer EV um sechs Monate verschoben, um Softwareprobleme zu beheben, und die jährliche EV-Produktionsprognose von 100.000 auf 80.000 Stück gesenkt. Stellantis hat den Start des elektrischen Ram-Pickups auf 2025 verschoben, um zusätzliche Batteriezellentests durchführen zu können. Und selbst der Branchenprimus Tesla hat seine eigene Wachstumsprognose in der Telefonkonferenz im Oktober 2023 zurückgeschraubt und rechnet nun erst 2030 mit dem jährlichen Produktionsziel von 20 Millionen Fahrzeugen statt schon 2025. Für Ford scheint der kurzfristige Fokus auf Rentabilität statt auf Volumen zu liegen: Das Unternehmen behält die hochpreisigen Top-Varianten Platinum und Lariat des F-150 Lightning bei, während das margenschwache Pro-Modell zurückgestuft wird, und erhöht die Marketingausgaben für die gewerbliche Flugtauglichkeit des Mustang Mach-E statt auf private Neukunden.
Der nächste bedeutende Meilenstein für Fords EV-Strategie wird Ende 2024 erwartet, wenn das Unternehmen einen speziell entwickelten kleinen elektrischen Crossover mit dem Codenamen „T3“ vorstellen will, der auf einem neuen skalierbaren Plattform zu einem Preis von 30.000 Dollar auf den Markt kommen soll. Die Kostenstruktur dieses Fahrzeugs wird darüber entscheiden, ob Ford im EV-Segment letztlich ohne die hohen Subventionen konkurrieren kann, die derzeit die Margen drücken. Die Botschaft aus Dearborn ist fürs Erste eindeutig: Die Elektrifizierung bleibt eine strategische Priorität, aber sie wird sich in einem Tempo vollziehen, das der Verbraucher vorgibt – nicht die Pressemitteilungen oder Werkspläne.